Viele Jahre in der Bunderepublik Deutschland profitierte das Ansehen der Union von deren Wirtschaftskompetenz, anfangs gestützt auf Ludwig Erhard, den sogenannten „Vater des Wirtschaftswunders“ nach 1949. Davon konnte die CDU lange Zeit zehren, wenn auch die Beschreibung seines Wirkens nach heutigen historischen Quellenauswertungen angezweifelt wird. Das „Wunder“ beruhte nämlich auf einer Vielzahl von Faktoren, die von Erhards ordnungspolitische Vorstellungen nur begrenzt beeinflusst wurden. Einen Aufschwung gab es nach den 2. Weltkrieg parallel auch in anderen Ländern, er war Ausdruck der internationalen Konjunkturentwicklung.
Längst ist sich die Geschichtswissenschaft darüber einig, dass die Einführung der D-Mark und die Neuordnung der Finanzen nicht von Erhard erfunden, sondern von den Besatzungsmächten, maßgeblich von dem US-Finanzexperten Joseph Dodge, vorgegeben war. Für den Aufschwung der Wirtschaft wie die vielen Millionen Menschen in Westdeutschland, von Trümmerfrauen und Handwerkern, die ebenso anpackten wie Unternehmer:innen, die ihre zerstörten Betriebe wieder aufbauen mussten und, soweit sie von der Demontage durch die Besatzungsmächte gezwungen waren, neue modernere Werkzeuge und Maschinen anzuschaffen, nicht zuletzt gestützt durch den US-Marshallplan als Kapitalgeber.
Letztlich wurde unter dem Einfluss von Sozialdemokratie und Gewerkschaften die Marktwirtschaft mit der Hinzufügung „sozial“ zu einem über die Union weit hinaus akzeptierten Modell einer modernen Wirtschaftspolitik. Als Ludwig Erhard 1965 zum Kanzler gewählt wurde, war seine Regierungszeit begrenzt. Sein Denken von der freien Entwicklung der Marktkräfte lähmte 1966 den Kampf gegen die Rezession. Der Eintritt der SPD in eine Koalition mit CDU und CSU wies den Weg zu neuen konjunkturpolitischen Konzepten und staatlichen Investitionsprogrammen, mit denen der Hamburger Wirtschaftstheoretiker Prof. Dr. Karl Schiller
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als Bundeswirtschaftsminister prägend der westdeutschen Wirtschaft ab 1968 zu neuem Aufschwung verhalf. Seine Instrumente – da Stabilitätsgesetz (1967), die Konjunkturprogramme anstelle von abwartendem Verhalten des Staates und die konzertierte Aktion (Zusammenwirken von Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden unter seiner Leitung) – haben ein staatliches Handlungskonzept definiert, von dem auch die letzten und die aktuelle Bundesregierung hätten gelernt haben müssen.
Weit davon entfernt – auch mangels Expertise – ist die heutige Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU), die eher den ordnungspolitischen Vorstellungen der Erhard-Ära als den Prinzipien einer modernen Wirtschaftspolitik in Krisenzeiten zugeneigt ist und sich stattdessen als Lobbyistin der Gasenergiewirtschaft den Ruf als Lobbyistin – nunmehr auf dem Stuhl eines Kabinettsmitgliedes in der Bundesregierung Merz – erworben hat.
Wenn also Bundeskanzler Merz darüber nachdenkt, ob eine Neuaufstellung von Teilen des Bundeskabinetts angesagt sein sollte, dann wäre eine neue Leitung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie dafür die erste Adresse. Denn Wirtschaftskompetenz vermitteln kann nur, wer, basierend auf einer umfassenden Expertise auf allen Feldern der Wirtschaft, auch als Persönlichkeit vertrauen wecken kann. Wirtschaftspolitik verlangt mehr psychologisches Einfühlen in Problemlagen als die bloße Behauptung politischer Ideologien. Wirtschaftspolitik ist Wirtschaftspsychologie.
Wenn nur noch 13 Prozent der Bundesbürger:innen der Wirtschaftskompetenz der aktuellen Regierung vertrauen, sollte das für den Bundeskanzler ein Alarmzeichen sein. 2025 mit dem Vertrauen auf seine Wirtschaftskompetenz ins Kanzleramt gewählt, fällt es inzwischen Merz selbst nicht leicht, das Wahlvolk weiterhin davon zu überzeugen. Umso wichtiger wäre es, ihm stünde hierzu ein Wirtschaftsexperte als Kabinettsmitglied zur Seite, der sowohl bei den Unternehmen als auch bei den Gewerkschaften, der überzeugend den Untergangserzählungen entgegentritt und Deutschland das notwendige Selbstbewusstsein als eine der stärksten Industrienationen zurückgibt – so wie ehedem der SPD Karl Schiller.
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Genau diese Voraussetzungen fehlen der 53-jährigen studierenden Diplomchemikerin aus Luckenwalde (Brandenburg).
Exemplarisch: Bei der Verabschiedung des Gebäudeenergiegesetzes am 10. Juli im Bundestag unterließ es Reiche als verantwortliche Ressortchefin, dieses aus Sicht der Union wichtige, von ihrem Haus federführend erarbeitete Gesetz abschließend zu bewerten. Sie blieb stumm auf der Regierungsbank und verfolgte, wie es hieß, „aufmerksam die Debatte“.
Nicht von ungefähr, hatte doch der Nationale Normenkontrollrat (NKR), der als unabhängiges Beratungsgremium der Bundesregierung die Gesetzgebungsvorhaben prüft, zum Entwurf einer Novelle zur Änderung des Gebäudeenergiegesetzes am 14. Mai ein vernichtendes Urteil abgegeben, das als Anlage 2 zur Bundestags-Drucksache 21/6278 21 Eingang in die Beratungen des Bundesparlaments fand. Dort wird klar zum Ausdruck gebracht, die Vorlage sei "in weiten Teilen kaum verständlich", zudem praxisfern und kostspielig. Die Kritik gipfelte in den Worten des Vorsitzenden des vom Bundespräsidenten berufenen zehnköpfigen Gremiums Lutz Goebel: der Gesetzentwurf sei eines der "handwerklich schwächsten und praxisfernsten Vorhaben, die dem Nationalen Normenkontrollrat in den vergangenen Jahren vorgelegt wurden" (Interview in der BILD-Zeitung, 12.05.2026). Und: "Genau solche Gesetze tragen zur Frustration vieler Bürgerinnen und Bürger gegenüber Staat und Politik bei."
Reiche fehlt in Teilen der Wirtschaft die Anerkennung, auch wenn der Parlamentskreis Mittelstand (166 von insgesamt 208 Unionsabgeordneten), der die wirtschaftspolitischen Interessen der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) Mittelstandsvereinigung vertritt, sie (noch) stützt. Damit verfügt Reiche in der Fraktion über eine starke Stütze. Ob Bundeskanzler Merz den Mut und die Fortüne besitzt, gleichwohl die personelle Neuaufstellung in der Wirtschaftspolitik zu vollziehen?